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Kämpferische Schmuckstücke

Eine der durchaus dankbar anzuerkennenden Eigenschaften der Zeit ist, dass sie bei allem Übel, das sie mit sich bringt, doch unterm Strich mehr Überlebende hinterlässt, als sie Opfer zu verzeichnen hat. So kann jeder von uns ein über das andere Mal zum Veteranen seines eigenen Lebens werden. Auch das politische Protestlied ist einer dieser Überlebenden seines eigenen Schaffens. Bernd Köhler und sein Musikprojekt ewo 2 haben das erkannt und sorgfältig darauf reagiert.

Im Ludwigshafener Kulturzentrum das Haus präsentierten sie in großer Besetzung ihr neues Album "avantipopolo2" vor einem voll besetzten Haus. „Seid ihr guter Dinge?”, fragt Köhler zur Begrüßung sein Publikum und stellt sein Orchesterensemble vor, das sich in den kommenden Konzertstunden mehr als bewähren wird. Hans Reffert, Christiane Schmied, Laurent Leroi, Adax Dörsam und Jan Lindqvist unterstützen Köhlers eindrückliche Theaterbühnenstimme bei ihrem Weg durch eine Sammlung politischer Lieder, die sich zwischen Akkordeon, Elektronika und indischer Slidegitarre zu kleinen, kämpferischen Schmuckstücken entwickeln. Von der Brecht'schen "Resolution der Kommunarden" über das historische "Heckerlied" bis Köhlers Eigenkompositionen wie " ... in dieser Zeit" zeigen ewo 2 die zeitlose Unzeitmäßigkeit des kämpferischen Liedguts, das vielleicht ein wenig schwerer atmet als früher, doch nicht vergessen werden darf //

bema in Mannheimer Morgen, 24. September 2009

 

 

Das Leid der Welt

Weltwirtschaftskrise und Globalisierung haben neues Interesse an Liedern des politischen Widerstands geweckt. Die Mannheimer Band ewo2 um den Liedermacher Bernd Köhler hat gerade ihre zweite CD mit solchem Liedgut und dem Titel „Avanti Popolo2” herausgebracht. Im dicht gefüllten Ludwigshafener „Haus” stellte die Band ihr neues Programm vor.

1977 war es, als Hannes Wader „Arbeiterlieder” herausbrachte, schlicht und geradlinig zur akustischen Gitarre gesungen. Bernd Köhler hat ähnliche Lieder ausgewählt, und diese sind ganz auf der Höhe unserer Zeit, wegen ihrer Aussagen, aber auch durch die ambitionierten intrumentalen Arrangements, die von Hans Reffert, Christiane Schmied und Bernd Köhler stammen. Die drei sind der Kern der Band, bei vielen Liedern kamen noch drei weitere Musiker dazu, die stilistische Vielfalt und neue Klangfarben beisteuerten.

Auf einem anonymen Flugblatt basiert das „Heckerlied”, ein Revolutionslied aus Baden zur Vormärz-Zeit. Kämpferisch und engagiert deklamiert und sang Köhler. Ihm geht es darum, zu packen, mitzureißen. Auch die alten Klassiker von Bert Brecht/Hanns Eisler haben dazu Potential. Sei es die „Resolution der Kommunarden” oder das „Solidaritätslied”. Und weil dieses ein internationaler Appell ist, zupft Adax Dörsam arabische Melodien auf seiner Saz dazu.

Laurent Leroi steuert ein fantasiereich und filigran gespieltes Konopfakkordeon bei. Hans Reffert ist ein Mann des Blues. Darum gab er eine eindringliche Interpretation des alten Klassiker „16 Tons”, der von der Ausbeutung amerikanischer Bergwerksarbeiter erzählt. Alles Leid der geschundenen Bergleute schrie er heraus, rau und wild und bluesig, von den wimmernden Klängen seiner Slide-Gitarre sparsam begleitet.

Die Not des Volkes war auch für den russischen Poeten Wladimir Majakowski ein Thema, sei es in der Sowjetunion oder in Deutschland. „Schon” ist eine düstere Ballade über das Berlin der 30er Jahre, von Christiane Schmied in düsteren Klängen eindrucksvoll vertont. Die Keyboarderin zeigte den ganzen abend über ihre Q ualitäten als Soundtüftlerin, diea uch mal mit clubbigen Beats den alten Widerstandsliedern ein modernes Outfit verpasst. Etwas Optimistisches gab es noch mit „Chiffon rouge” von Michel Fugain. Und bei dem italienischen Partisanenlied „Bwlla Ciao” konnten alle mitsingen.

Rainer Köhl in der „Rheinpfalz”, 24. September 2009

 

 

Für das akademische Laptop-Proletariat ...

Hinter dem Bandkürzel ewo verbergen sich drei Mannheimer Musiker mit Renommee: der Sänger/Songschreiber Bernd Köhler, unter dem Künstlernamen Schlauch in den 70er Jahren als politischer Liedermacher bekannt, der Gitarrist Hans Reffert, eine der Galionsfiguren der Mannheimer Rockszene, und die Keyboarderin Christiane Schmied, die in den 90er Jahren mit der Girl-Group The Tillies aufhorchen ließ.
Dieses "kleine elektronische weltorchester" (ewo) unternimmt eine gewagte Gratwanderung: Arbeiter- und Revolutionslieder, als Agitsongs zum Mitsingen eher konventionell strukturiert, musikalisch zu aktualisieren. Auf ihrer neuen CD "... in dieser Zeit - avantipopolo 2" (Jump Up) kommt die Combo so zu einigen durchaus brillanten Ergebnissen. Schmieds zeitgemäße Elektronik-Effekte, Refferts dissonante Gitarren-Einsprengsel und die schrägen Akkordeonmelodien des Gastmusikers Laurent Leroi sorgen für Störklänge, die so recht zu einer aus den Fugen geratenen Zeit passen mögen.

So wird das "Solidaritätslied" von Brecht/Eisler mit Tabla- und Saz-Klängen zur multikulturellen Internationale des Globalisierungs-Zeitalters und Majakowskis Lamento "Schon" zum düster-aggressiven Sound-Szenario, das auch dem akademischen Laptop-Proletariat von heute etwas sagen dürfte. Ungeahnt modern klingen auch Eislers kühl- distanzierte Kunstlieder, während ironischerweise Köhlers eigene Stücke, bewusst die Diktion alter 1848er-Texte aufgreifend, musikalisch antiquiert klängen - währen da nicht Refferts und Schmieds Klang-Aufrauhungen.
Refferts knurrig gekrächzter Country-Klassiker "Sixteen Tons" ist ein unerwarteter Glanzpunkt des Albums. Seine Rock-Anleihen zeigen, dass die musikalischen Möglichkeiten dieser Combo, die auch Gassenhauer wie das "Heckerlied" präsentiert, noch längst nicht ausgereizt sind - ebenso wie die Themen für aktuelle Politsongs.

Georg Spindler im Mannheimer Morgen, 22. September 2009