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NUR WAS NICHT IST IST MÖGLICH
Putin – die Olympiade – die Stadt – und das Meer

ein Reisebericht von Bernd Köhler für das Magazin „Lunapark21”

 

Ausgangspunkt für diesen, nennen wir es mal, Reisebericht, war ein einwöchiger Besuch in Sotchi im Rahmen eines deutsch-russischen Kulturaustauschs zwischen Künstlerinnen und Künstlern aus der Rhein-Neckar-Region und Sotchi, „Quattrologe 20plus”. Ein erfolgreiches und grenzüberschreitendes Projekt, das von „Kultur-Rhein-Neckar e.V.” vor 20 Jahren angestoßen wurde und bis heute mit viel persönlichem Engagement getragen wird. 17 Leute fuhren mit. Ein bunter Haufen aus Kulturinteressierten, Leuten aus dem Kulturbetrieb, Künstlerinnen und Künstlern. Ich hatte für Sotchi u. a. ein Programm mit Majakowski-Texten konzipiert, das dann im experimentellen Werkstattcharakter zusammen mit dem Gitarristen Claus Boesser-Ferrari und dem Moskauer Dichter Daniil Da im Künstlerhaus Sotchi in russischer und deutscher Sprache zur Aufführung kam. Mein Eindruck war, dass unsere Aufführung gerade den vielen jüngeren Besuchern zu einer lebendigen Wiederentdeckung des revolutionären Wortbildners aus der Frühzeit der Sowjetunion verhalf.

 

 

„Bernd Köhler, Daniil Da und Claus Boesser-Ferrari” – »Howdo youdo Mister M@jakowski« im Künstlerhaus Sotchi, 3. November 2015 (Foto: Barbara Straube)


Daneben war für mich der Besuch aber auch ein Déjà-vu der besonderen Art, nachdem ich 1981 schon einmal als Liedermacher zum damaligen „Festival der roten Nelke” – einem internationalen Festival des politischen Liedes – eingeladen war.

Der erste Eindruck von Sotchi, ein Jahr nach der Winterolympiade: Die Neugestaltung der Infrastruktur im Zuge der Olympia-Planung muss gewaltig gewesen sein. Sie wird wohl auch einen Großteil der gigantischen Summen (die Rede ist von bis zu 50 Milliarden Euro), die rund um die Olympiade ausgegeben wurden, verschlungen haben. Neben einer kompletten Erneuerung der Stadtautobahnstruktur wurde auch eine moderne Schnellbahnverbindung zwischen Sotchi-Stadt, dem 25 km entfernten Olympiapark Adler und der von dort wiederum 50 km entfernten Alpinregion um Krasnaja Poljana gebaut. Samt neu konzipierter Elektrizitätsversorgung für Stadt und Bahn. Eine stabile Stromversorgung war vorher eine der großen Schwachstellen in der Region. Der Olympiapark direkt neben dem neuen Flughafen wurde als „Stätte der kurzen Verbindungswege” propagiert, wobei sich das wohl mehr auf den neoliberalen Mobilitätszirkus (fürs Weekend mal kurz hinjetten und Formel1-gucken), denn auf die Wege des gemeinen Volkes bezog.

Das riesige Olympia-Gelände erinnerte mich spontan an einen Titel der Band „Einstürzende Neubauten" - NUR WAS NICHT IST IST MÖGLICH. Putin erklärt, das System bietet auf und der neue Turbokapitalismus samt seiner Oligarchen-Hierarchie beweist, dass sie die Welt nach Belieben neu erschaffen können, wenn es ihrem Profitstreben und Darstellungswahn zuträglich erscheint. So entstand nicht nur der weltweit erste Olympia-Komplex mit gleichzeitig eingebetteter Formel1-Rennstrecke, sondern eine Anlage, die ganz unter dem Gesichtspunkt der späteren kommerziellen Verwertung erbaut wurde. Mit einem historisierenden Hotelkomplex im Castle-Style im Zentrum, mit Achterbahn, Wasserrutschen, Sky-Flyer und anderen Rummel-Attraktionen drumherum und einem beliebig erscheinenden Geschachtel aus Museen (von Leonardo da Vinci bis zum Russischen Automobilmuseum), Plastikpalmen im Mix mit realen Palmen und diversen Devotionalien-Shops dazwischen. Ein apokalyptisch-steriler Lunapark, der bei unserer Rundfahrt mit antik anmutendem Bähnchen durch das fast menschenleere Terrain noch bizarrer erschien.

Das laut Selbstdarstellung unter besonderen Nachhaltigkeitsaspekten erbaute Olympiastadion „Fischt” wird ein Jahr nach der Olympiade in weiten Teilen schon wieder abgerissen und neu aufgebaut: Die Sitzplatzkapazitäten für das nächste Großereignis, die kommende Fußball-WM, müssen erweitert werden. „The show must go on” – in dieser virtuell anmutenden Szenerie ohne historisch gewachsene Strukturen. Im Olympia-Park genauso wie in der 50 Kilometer entfernten Alpin-Arena mit von Schneekanonen gesäumten Kahlschlagschneisen, die gerade in der schneelosen Zeit deutlich ihre Verwüstungsfratze zeigten. Als ob es die mahnenden Beispiele aus den Alpenregionen nie gegeben hätte: NUR WAS NICHT IST IST MÖGLICH.

Der Bauboom rund um die Olympiade hat der Stadt eine riesige Baublase hinterlassen, deren Zukunft gewissermaßen in den Sternen steht. Viele der internationalen Hotelkomplexe von Swissotel, Radisson oder Hyatt standen zumindest in der Zeit unseres Besuchs nahezu leer. Schwarze Kolosse in schwarzer Nacht. Manche Betreiber konterten den Zustand – die Energiekosten sind wohl entsprechend niedrig –, indem sie die Komplexe nachts komplett beleuchteten, was genauso surreal wirkte.

 

Blick auf das Meer vor Sotchi und auf den Eingang zu der Freiluft-Arena in der 1981 das Liederfestival „Rote Nelke” stattfand (Fotos: Barbara Straube)

 

Das Warenangebot in der Stadt war vergleichbar mit jeder westlichen Metropole. Zwischen russischen Produkten fanden sich in den Regalen Persil, Rittersport-Schokolade, Löwenbräu oder Coca Cola. Riesige Banner warben für Audi oder Mercedes. Im Stadtzentrum dann die Fashion-Galerien mit allen westlichen Edelmarken. Boykott fühlt sich anders an. Daneben gab es aber auch die kleinen Märkte auf der Straße, die ich schon aus der Sowjetzeit kannte, dazu unzählige Cafés, Läden für dies und das, Handwerksbetriebe und Großmärkte mit einer breiten Palette regionaler Produkte. Auch in den Randbereichen fanden wir gut sortierte kleine Läden, Bäckereien oder Supermärkte und eine ansteckende Gelassenheit des Lebens in dieser trotz der Umgestaltungen noch immer sehr grünen Stadt. Ein pulsierendes Leben mit spürbarer Herzlichkeit und Gastfreundschaft.

Die repressive Alltagssituation, die uns Gernot Erler, der SPD-Russland-Experte vom Auswärtigen Amt, auf einer Diskussionsveranstaltung vor der Reise gezeichnet hatte, war partout nicht zu erkennen. Sotchi machte auf den ersten, aber auch auf den zweiten Blick so gar nicht den Eindruck einer autokratisch-repressiv regierten Stadt.

Bei den Veranstaltungen erlebten wir ein aufgeschlossenes und auch, was die westliche Lebenssituation betrifft, durchaus sachkundiges Publikum. Freiräume für Kunst und Kultur müssen, wie auch bei uns, erkämpft und durchgesetzt werden. Aber es gibt sie und es gibt Strukturen autonomen und widerständigen Handelns, die mich an frühe Zeiten der Studentenbewegung erinnerten. Zum Beispiel gab es ein Treffen mit einem Bürgerrechtler, der uns über öffentliche Aktionen gegen die Olympia-Planung oder später für die Interessenvertretung der meist migrantischen Arbeiter auf den Olympiabaustellen berichtete – Aktivitäten, die staatlicherseits nicht unterstützt, sondern behindert, zum Teil auch juristisch verfolgt wurden. Aber dieses Verhalten kennen wir ja auch zu gut aus westlichen kapitalistischen Ländern. Was wir bis dahin aber nicht kannten war ein besonders perfides Druckmittel gegen oppositionelle Bewegungen in Form des sogenannten „Agenten-Gesetzes” aus dem Jahr 2014, mit dem unabhängige Organisationen dazu gezwungen werden können, sich oder ihre Publikationen, als vom Ausland finanziert und gesteuert, zu kennzeichnen.

 

T-Shirt mit Putin-Motiv – Skipisten in der Alpinregion um Krasnaja Poljana – Elektronische Werbetafeln im Stadtzentrum (Fotos: Barbara Straube)

 

Putin, der Präsident, ist omnipräsent. Zur medialen Präsenz, die man schon von der Nomenklatura der Sowjetzeit kannte, gesellt sich nun noch eine fast unwirklich erscheinende Pop-Variante. Devotionalien mit der Abbildung des Präsidenten in unterschiedlichsten, oft lächerlichen Posen (auf einem Braunbär reitend, als James Bond-Verschnitt, als kerniger Raketenkommandant ...): auf Buttons, T-Shirts, Mützen, Uhren oder Strandtüchern. Interessanterweise hängen diese Souvenirs nicht nur in den Strandboutiquen, sie werden auch gekauft und freiwillig getragen oder genutzt. Bei unseren Gesprächspartnern fanden sich alle Haltungen zu Putin, von totaler Ablehnung über Akzeptanz („ohne ihn gäbe es nur noch größeres Chaos”) bis hin zu offener Anerkennung. Dasselbe Bild ergab sich zu Themen wie dem Ukraine-Konflikt, der Krim oder der russischen Außenpolitik.

Seit meinem Besuch 1981 hat sich Sotchi grundlegend verändert. Damals prägten tatsächlich die so genannten „verdienten Arbeiter” aus den Betrieben der Sowjetunion, die in den Kurstätten Erholungsurlaub machen konnten, das Bild. Die Sotchi-Stadtwerbung zeigt auf ihrer Website etwas ironisch das damalige „Strandleben" mit dickleibigen Stahlarbeitern, die sich unter der Schwarzmeersonne im grobkörnigen Kiesel breit machen, um sich Karten spielend die Zeit zwischen den Anwendungen zu vertreiben. Heute erinnert die Skyline an Badestrände in Spanien, Italien oder der Türkei, samt kilometerlangen Restaurant- und Shoppingzonen im Strandbereich. Der Unterschied: Strände und Meer waren in Sotchi frei zugänglich und nutzbar. Was heißt, dass sich nicht nur die Touristen, sondern auch die Einwohner am Meer treffen, zum Baden (was auch im November noch möglich war), zum Angeln oder einfach so zum Essen und Plaudern.

Mein Fazit nach einer erlebnisreichen Woche: Wenn man die Olympia-Zonen und die teuren Hotelkomplexe außen vorlässt, ist diese Stadt, ihre Menschen, die lebendige Kulturszene und das quirlige Leben durchaus wieder eine Reise wert.

 

Bernd Köhler
November 2015