von Rainer Köhl / Rhein-Neckar-Zeitung
Eine Musik-Text-Collage „Musik für
Adolf Wölfli” hat Hans Reffert bereits vor mehreren Jahren
geschrieben. Im Rahmen des Kulturprogramms zur Sammlung Prinzhorn
kam eine völlig neue Version zur Aufführung. „Staubdämonen
und Sonnenkinder, ein musikalisch-textliches Experiment in drei
Aufzügen”. Auf Einladung des Jazzclubs Heidelberg war
die Uraufführung im Deutsch-Amerikanischen Institut zu erleben.
Wölfli war an Schizophrenie erkrankt. „Ein
Mensch mit drei Seelen”, wie es in einem Text von Bernd Köhler
heißt. Was die Musik zunächst zu bestätigen schien,
als es wie aus drei verschiedenen Ebenen zu fluten begann, kaum
merklich miteinander verbunden: elektronische Samplersounds, daneben
bluesige Südstaatenklänge der Gitarre sowie leise flirrende
Akkordeontöne, die gleichfalls wiederum wie aus einer anderen
Welt heraufzogen. Wölfli war Künstler und als solcher
nicht nur Maler und Schriftsteller, sondern auch Musiker, komponierte
gar krause Notenfolgen. Märsche aber liebte er besonders. Und
als wäre es dem Schweizer selbst aus der Feder geflossen, machte
sich ein dumpfer Marschrhythmus auf den Weg, eingefasst von prägnanten
melodischen Motiven, die immer wieder irre ausgelenkt und in harmonische
Schräglage gebracht wurden.
Im Gummistiefel steckt das eine Bein, im Bergschuh
das andere: So kam Bernd Köhler, bergbäurisch eingekleidet,
um aus dem literarischen Werk des irren Dichters zu rezitieren.
„Geographische Hefte” nannte Wölfli seine skurrilen
Dichtungen, schräge Heimatprosa aus den Bergen, Autobiographisches
und Verse voller absurder Philosophien. Ebenso phantastisch und
abenteuerlich wie verblüffend logisch und hellsichtig. Das
waren dadaistische Lautgedichte oder Geschichten von abenteuerlichen
Bergaufstiegen, Abstürzen und wundersamen Rettungen. Köhler
ist ein virtuoser Rezitator, der all diesen skurrilen bis visionären
Szenarien ebenso viel rasante Fahrt wie burlesken Witz verlieh.
Rockige amerikanische Countryfahrt gab es für
den Schweizer Bergburschen, die gewitzte Leichtigkeit der Texte
wurde aufgegriffen in zartbitterem Bluegrass, entspanntem Rockabilly,
Zydeco und vergnügtem Countryrock. Heiter-schräge Duos
gingen Reffert und Leroi ein über den elektronischen Klängen.
Beats und Loops, die Christiane Schmied aktivierte. Eine Musik zwischen
Traum und Wahn mit starkem Gespür dafür, atmosphärische
Dichte zu erzeugen und sujetgemäß ganz bei der Sache
zu bleiben, ohne einen persönlichen Stil hintanzustellen.
Sparsam lakonisch, aber eindringlich intoniert
Reffert seine Gitarrenlinien. Biegt die Töne und lässt
sie splittern. Klangliche Delirien schweben heran, wie vom Wind
herbei getragene Dissonanzen. Umeinander kreisende Motive und klangliche
Traumgespinste intensivieren sich zum Irrenhaus der Klänge.
Bisweilen gewinnen Refferts Melodien jenes wunderbar Zartbittere,
wie man es aus Ennio Morricones Filmmusik kennt. Töne wunderschön
ins Arabische hinein beim „Lied von Röslein”. Und
bei den alpenländisch klingenden Schrammel-Melodien, da war
Wölfli eh wieder ganz in der Heimat.
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